Stürmische lady

Um einen authentischen Roman aus der viktorianischen Zeit zu schreiben, benötigt man nicht nur eine gute Geschichte, sondern auch ein breit gefächertes Wissen über diese Zeit und ihre Lebensumstände. Eine besondere Fundgrube für alle einschlägigen Fragen ist dabei natürlich inzwischen das Internet. Immer wieder entdecke ich dort die erstaunlichsten Dinge. Haben Sie schon einmal vom Leap Day gehört? So nennt man in England den 29. Februar, der in diesem Jahr in unseren Kalendern steht. Im 19. Jahrhundert, in dem auch der Romantic Thriller spielt, den ich gerade schreibe, erlebte der Leap-Day geradezu eine Renaissance. Die Postkarten aus jener Zeit sind heute unter Sammlern hochbegehrt.

Was es mit dem Leap Day auf sich hat?

Er ist der ideale und letzte Ausweg für jede Frau, die nicht ihrem Vater oder Vormund, sondern ihrem Herzen folgen will! Und natürlich hat ihn eine Frau vom Staub der Legende befreit und in Gesetzesform gegossen. Königin Margaret von Schottland soll es gewesen sein. 1288 erließ sie die „Rules of Courtship“ für den 29. Februar.

In der „Encyclopedia Britannica“ liest sich das wie folgt:

„Kraft des Amtes ihrer königlichen Majestät sei es jeder Jungfrau, ob aus armem oder reichem Hause, erlaubt, einem Mann, den sie mag, einen Antrag zu machen. Wenn er sich weigert, sie zu seiner rechtmäßigen Ehefrau zu nehmen, muss er eine Strafe von mindestens einem Pfund oder weniger bezahlen, je nach seinen Verhältnissen. Wenn er allerdings nachweisen kann, dass er verlobt ist, so soll er frei sein.“

Und so kann bis zum heutigen Tag – in einem Schaltjahr, am 29. Februar – jede Frau, ob Lady oder Magd, vor ihrem Auserwählten in die Knie fallen und um seine Hand anhalten.

Man erzählt sich, es sei der Heilige Patrick gewesen, der den irischen Frauen als erster das Recht eingeräumt hat, ihrem Liebsten die Ehe anzutragen. Da der 29. Februar im englischen Mittelalter kein Gesetzestag war, stand er außerhalb jeder Rechtsprechung und erlaubte aus diesem Grund ein ungewöhnliches Problem auf ungewöhnliche Weise zu regeln.

Englische Töchter lebten bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein unter dem Rechtsmandat ihres Vaters. Er bestimmte über ihr Leben, ihre Zukunft, ihre Ehe. Allein der Leap Day verschaffte ihnen alle vier Jahre die Möglichkeit einer unabhängigen Partnerwahl. Erkennungsmerkmal der heiratswilligen Ladys ist heute übrigens ein roter Petticoat.

Das „Ladies‘ Privilege“, wie es in Großbritannien genannt wird, ist auch im Jahr 2016 Anlass zahlloser Leap-Day-Partys und Bälle. 2012 hat ein geschäftstüchtiges Internet-Portal sogar zu einem Wettbewerb aufgerufen, bei dem der einfallsreichste Heiratsantrag zum Leap-Day gesucht wurde.

Wenn Sie also, liebe Leserinnen, nach einer passenden Gelegenheit suchen, Ihrer großen Liebe den Gedanken an ein gemeinsames Leben nahezulegen: Der 29. Februar wäre ein geradezu idealer Tag dafür – nur Mut!

Mit besonders liebevollen Grüßen

Marie-Cordonnier_unterschrift